Wie Karl Lagerfeld den Kult um sein eigenes Image schuf

Anlässlich des 93. Geburtstags des Designers
Weißer Pferdeschwanz. Dunkle Brille. Stehkragen. Schwarze Jacke. Schmale Krawatte. Fingerlose Handschuhe. Ein Fächer in der Hand. Karl Lagerfeld war schon von Weitem zu erkennen. Dafür musste man nicht einmal sein Gesicht sehen.
Lange vor Instagram, TikTok und Personal Branding war Lagerfeld seiner Zeit voraus. Er verstand den Code visueller Wiedererkennbarkeit und schuf ein eigenes Erscheinungsbild, das selbst zu einem Teil der internationalen Mode wurde.

Anlässlich des 93. Geburtstags des Designers blicken wir auf seine unverwechselbare Ästhetik zurück. Zu Lebzeiten stand er an der Spitze von Chanel, arbeitete für Fendi und Chloé und gründete sein gleichnamiges Label. Mit der Zeit wurde der Name des Couturiers jedoch nicht mehr nur mit seinen Kollektionen verbunden. Irgendwann wurde Karl Lagerfeld selbst zur Marke.
Der weiße Pferdeschwanz als Logo
Heute scheint es, als hätte Lagerfeld schon immer so ausgesehen. Doch sein berühmtes Erscheinungsbild entwickelte sich erst nach und nach.
Schon seit den 1970er-Jahren trug er sein weißes Haar zu einem tief sitzenden Pferdeschwanz gebunden. Zunächst war das eine ziemlich praktische Lösung: Der Designer wollte damit lediglich widerspenstige Strähnen aus seinem Gesicht halten. Mit der Zeit wurde diese alltägliche Gewohnheit jedoch zu einer ikonischen Frisur, ohne die man sich Lagerfeld kaum noch vorstellen konnte.

Als sein Haar zunehmend ergraute, beschloss Lagerfeld, das Weiß auf die Spitze zu treiben. Für das Styling verwendete er sogar Trockenshampoo in Weiß. So wurde der Pferdeschwanz zu einer Art grafischem Markenzeichen.
Man hätte ihn mit wenigen Strichen zeichnen können – und die ganze Welt hätte den großen Couturier sofort erkannt.
Brille, Stehkragen und fingerlose Handschuhe
Nach und nach entstand jenes Erscheinungsbild, das wir heute mit Lagerfeld verbinden.
Die schwarze Brille wurde zu einem nahezu ständigen Bestandteil seines Looks. Der hohe Kragen bildete einen Kontrast zur Jacke. Die schmale Krawatte verlieh dem Ensemble Strenge. Und die fingerlosen Handschuhe wurden zu einem weiteren Detail, an dem man ihn sofort erkennen konnte.

Lagerfeld versuchte nicht, sich jedes Mal neu zu erfinden. Im Gegenteil – er wiederholte immer wieder dieselben Elemente. Genau das machte sie zu Ikonen.
Und dann war da noch der Fächer
Warum sollte ein Designer eigentlich ständig einen Fächer bei sich tragen? In Lagerfelds Hand wurde auch er zu einem charakteristischen Merkmal seiner exzentrischen Erscheinung.
Der Fächer tauchte bereits in den 1980er-Jahren in seinem Look auf und entwickelte sich nach und nach zu einem der Symbole seiner eigenen Marke. Das markante Motiv diente nicht nur als auffälliges Accessoire. Es zierte Kleidung und Schmuck und wurde sogar zur Grundlage für das Design einer Tasche.

Chanel bekommt ein neues Leben
1983 übernahm Lagerfeld die kreative Leitung von Chanel.
Das Modehaus musste wieder die Aufmerksamkeit des Publikums gewinnen. Lagerfeld beschloss nicht, einfach zu wiederholen, was Coco Chanel einst getan hatte. Stattdessen nahm er ihre wichtigsten Codes – Tweed, Kamelien, Perlen, Ketten und die schwarz-weiße Farbpalette – und interpretierte sie neu.

Dadurch erlangte Chanel seinen Status als absolute Größe der internationalen Mode zurück. Lagerfeld blieb dem Modehaus mehr als drei Jahrzehnte lang verbunden – bis zu seinem Tod im Jahr 2019.
In dieser Geschichte zeigt sich eine bemerkenswerte Parallele. Coco Chanel hatte ihren Namen für immer in die DNA ihrer Marke eingeschrieben. Lagerfeld wiederholte diesen Triumph, indem er schließlich seinen eigenen Namen zum Kult machte.

KARL LAGERFELD
1984 gründete Lagerfeld sein gleichnamiges Label KARL LAGERFELD. Zu diesem Zeitpunkt war sein Name in der Modewelt längst bekannt. Nun wurde er auch zum Namen eines eigenen Modehauses.
Der unverwechselbare persönliche Stil des Designers wurde nach und nach Teil der DNA der Marke: monochrome Farben, klare Schnitte, die charakteristische Brille und die Silhouette des Meisters selbst.

2004 entwarf Lagerfeld eine Kollektion für H&M. Es war die erste Zusammenarbeit der schwedischen Marke mit einem Designer dieses Ranges. Die Kollektion bestand überwiegend aus schwarzen und weißen Teilen und erinnerte in vielerlei Hinsicht an seine eigene Garderobe: Jacken, Hemden, Krawatten, Brillen und fingerlose Handschuhe.
Damit ging Lagerfeld noch einen Schritt weiter: Er machte seinen eigenen Namen und Stil zu einem Produkt, das man tragen konnte.

Und natürlich Choupette
Dann tauchte in dieser schwarz-weißen Geschichte eine weiße, flauschige Heldin auf.
Die Katze Choupette wurde zu einem der bekanntesten Haustiere der Modewelt. Die blauäugige Birma-Katze lebte bei Lagerfeld und entwickelte sich nach und nach selbst zu einer Medienpersönlichkeit. Sie hatte eigene Fotoshootings, Werbeprojekte und sogar Bücher.

2014 wurde Choupette zur besonderen «Gastredakteurin» von The Karl Daily – einer im Zeitungsstil gestalteten Publikation, die als Werbemittel diente. Damit machte Lagerfeld sogar seine Katze zu einem Teil seiner eigenen Welt und Marke.
2023, vier Jahre nach dem Tod des Designers, stand Choupette erneut im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit – diesmal im Rahmen der Met Gala, die Lagerfelds Schaffen gewidmet war. Ihre Darstellung fand sich auf dem roten Teppich wieder, und die Katze selbst wurde zu einem der prägenden Symbole des Abends.

Er wusste, dass die Menschen hinsahen
Lagerfeld arbeitete intensiv an seinem eigenen Image. Er fotografierte, veröffentlichte Bücher, fertigte Illustrationen an, drehte Werbekampagnen und experimentierte ständig mit seinem öffentlichen Erscheinungsbild.
Er verstand die Macht eines Bildes genau. Vielleicht ist es genau das, was ihn bis heute so unverwechselbar macht.

In einer Welt, in der sich Trends jede Saison verändern, gelang Lagerfeld etwas nahezu Unmögliches: Er schuf ein Erscheinungsbild, das keine Trends brauchte.
Man konnte ihn nur von hinten sehen – und wusste trotzdem sofort, wer vor einem stand.

Weißer Pferdeschwanz.
Schwarze Brille. Stehkragen.
Karl Lagerfeld.
Foto: Instagram @karllagerfeld

