Von Korsetts bis zur Militärästhetik: Was die Herrenmode auf der 080 Barcelona Fashion zu bieten hatte

Vor Kurzem fand in Barcelona die 38. Ausgabe der internationalen Modewoche 080 Barcelona Fashion statt – der offiziellen Modeplattform Kataloniens, die Designer zusammenbringt und Innovationen sowie kreative Experimente im Bekleidungsbereich fördert. Die Zahl «080» im Namen verweist auf die Postleitzahl Barcelonas. In dieser Saison standen insbesondere die Herrenkollektionen im Mittelpunkt, in denen die Designer vertraute Garderobenelemente neu interpretierten – von Korsetts und transparenten Materialien bis hin zu militärischen Details und provokanten Akzenten.
Der Journalist und PR-Fachmann Mykhailo Pylypchuk besuchte die Shows und berichtet exklusiv für INSIDER.AT über vier Kollektionen, die sich von den übrigen Beiträgen der Saison abhoben und die Vielfalt der zeitgenössischen Herrenmode unter Beweis stellten.

Mykhailo Pylypchuk
Der Journalist und PR-Fachmann
ALEIXANDRI STUDIO
Der Raum ist in rotes Licht getaucht. Auf den Sesseln stehen kleine Popcornschachteln, aus den Lautsprechern erklingt etwas, das an einen Zirkusmarsch erinnert. Ein Mann betritt den Laufsteg – in einem roten Crop-Top mit Ketten und einer Feder im Haar.

Ihm folgt ein Model in einem weißen, flauschigen Langarmtop und darüber einem zartrosa Korsett. Durchsichtige Strümpfe mit weißer Spitze vervollständigen den Look.

Kurz darauf erscheint ein bärtiges Model mit rasiertem Kopf und freiem Oberkörper. Es trägt ein helles Korsett, das teilweise von grünem, asymmetrisch drapiertem Stoff mit Leopardenmuster und schwarzer Spitze verdeckt wird. Dazu kombiniert es rote High Heels.

Im Publikum gehen die Handys hoch – die Gäste versuchen, jeden Auftritt festzuhalten. Einige Models kokettieren mit dem Publikum und blicken direkt in die Kameras. Andere schreiten mit einem so ernsten Gesichtsausdruck über den Laufsteg, als wäre niemand um sie herum.

Am Ende der Show stürzt einer der Performer mitten auf dem Laufsteg zu Boden. Für einen Moment hält das Publikum den Atem an, dann bricht Applaus aus. Der junge Mann steht rasch wieder auf und setzt seinen Walk fort.
Hinter diesem Spektakel steckt das Konzept CIRCA – die neue Linie von Marc Aleixandri, dem Gründer des genderneutralen Labels Aleixandri. Der Designer greift die Ästhetik der Freakshows – Veranstaltungen, bei denen Menschen mit außergewöhnlichem Aussehen zur Schau gestellt wurden – sowie die Club-Kid-Kultur auf. Die Protagonisten der New Yorker Clubszene der späten 1980er- und 1990er-Jahre machten ihren eigenen Körper zur künstlerischen Performance. Kleidung, Make-up und groteske Inszenierungen dienten ihnen als Ausdrucksmittel.

«Habt ihr genug von Perfektion und Neutralität?», fragt der Designer in der Pressemitteilung. Diese Frage bildet den Schlüssel zum Verständnis des Konzepts: Korsetts, Spitze, High Heels und bewusst überzeichnete Silhouetten stellen gängige Vorstellungen davon infrage, wie Männerkleidung auszusehen hat.
Schließlich war die Herrengarderobe nie unveränderlich: In verschiedenen historischen Epochen trugen Männer Tuniken, Kilts, reich verzierte Wämser und Kleidungsstücke mit ausdrucksstarken Drapierungen. Später wurden die Grenzen zwischen maskuliner und femininer Mode deutlicher gezogen, doch zeitgenössische Couturiers stellen sie nun erneut infrage. Die Models von Aleixandri betreten den Laufsteg, als hätte es diese Konventionen nie gegeben.
DAVID CATALÁN
Halbdunkel, Geräusche wie heftige Windböen und die melancholische Gitarrenmusik von Diogo Figueiredo. Die Präsentation der Frühjahr-Sommer-Kollektion 2027 beginnt mit einer beunruhigenden Atmosphäre – wie ein Thriller, der an einem Urlaubsort spielt.
Der spanische Designer David Catalán, Gründer des gleichnamigen Labels, hat seinen Sitz im portugiesischen Porto, wo er sein Unternehmen mit einem Schwerpunkt auf lokaler Produktion weiterentwickelt. Bereits in der vergangenen Saison präsentierte er seine Kreationen auf der 080 Barcelona Fashion, diesmal bildete seine Show den Abschluss des Laufstegprogramms.

Auf dem Laufsteg gibt es zahlreiche Anzüge, weit geschnittene Hosen und Sonnenbrillen. Ein Model erscheint in einer schwarzen Strickjacke aus Netzstoff, Badehose und Sandalen. Ein anderes trägt ein blaues Sakko in Metallic-Optik, das unter den Scheinwerfern grün und türkis schimmert. Dazu kombiniert es Jeansshorts und einen blauen Fischerhut im gleichen Farbton wie das Sakko.
Daneben gibt es zurückhaltendere Looks: Denim-Ensembles mit cremefarbenen Gürteln, voluminöse Jacken, gestreifte Pullover und Bermudashorts.

Ein Model trägt ein gelbes Ensemble mit aufgesetzten Taschen, Gurten und langen Bändern, das an eine Rettungsweste erinnert. Es fehlt scheinbar nur noch der Strand in unmittelbarer Nähe.
Die Sonnenbrillen verbergen die Blicke der Models. Vor dem Hintergrund des dunklen Laufstegs und der beunruhigenden Klangkulisse entsteht der Eindruck, dass sie sich nicht auf einen Urlaub, sondern auf einen Notfall vorbereiten.

So entfaltet der Designer das Konzept der Kollektion CRISIS. Wie er erzählt, entstand die Idee bei der Suche im Internet nach einer Vintage-Rettungsweste für seinen Partner. Catalán faszinierte die Konstruktion dieses Kleidungsstücks. Also übertrug er Gurte, Verschlüsse und andere funktionale Elemente auf Anzüge, Hemden und Hosen.
Doch die Linie interpretiert nicht nur die Ästhetik von Schutzausrüstung neu, sondern wirft auch die Frage auf, was Sicherheit eigentlich bedeutet. Dinge, die uns schützen sollen, können uns nicht immer die Angst nehmen. Diesen Widerspruch bringt der Designer folgendermaßen auf den Punkt: «Alle machen Urlaub, aber niemand scheint entspannt. Alle sind in Sicherheit, aber niemand fühlt sich geschützt».

Nach dem letzten Auftritt applaudierten die Gäste noch lange. Währenddessen sah ich mir auf dem Instagram-Account des Labels an, wie der Designer vorschlägt, die neuen Kreationen auch abseits des Laufstegs zu tragen.
L’AMAR
Die Kollektion DESERTORES («Deserteure») des spanischen Designers Nacho Lamar, Gründer des Labels L’AMAR, überträgt die Ästhetik der Kriegszeit in die Modewelt. Sie ist geprägt von militärisch inspirierten Silhouetten, überzeichneten Schultern, voluminösen Ärmeln und ungewöhnlichen Konstruktionen, die an Rüstungen erinnern.

Als Erster tritt ein Mann in einem orangefarbenen Pullover mit dem Aufdruck einer historischen spanischen Briefmarke vor das Publikum. Unter dem Pullover schauen ein weißes Hemd und eine dunkelblaue Krawatte hervor. Auf dem Kopf trägt er eine voluminöse beigefarbene Schirmmütze, die ihm fast bis über die Augen reicht.

Ihm folgt ein Model in einer auffällig grünen Lederjacke, mit einer braunen Aktentasche in der Hand. Doch besonders beeindruckend sind die ritterlich anmutenden Rüstungen!

Ein Auftritt bleibt besonders in Erinnerung: Hinter dem Model dreht sich eine große Konstruktion, die an einen Propeller mit langen schwarzen Rotorblättern erinnert. Es scheint, als würde es nur noch einen Augenblick dauern, bis das Model direkt von der Bühne abhebt.

Ein anderer Mann erscheint mit einem schwarzen Gestell auf den Schultern, das an einen aufgespannten Regenschirm erinnert. Dazu trägt er eine dunkle Hose, ein weißes Hemd und ein großes weißes Tuch, das um seinen Hals gebunden ist. Nicht weniger ausdrucksstark ist ein Ensemble aus Shorts, Jacke und Schirmmütze, das mit schwarz-weißen Zeitungsausschnitten verziert ist. Hier verbindet sich die Militärästhetik mit Theatralik und künstlerischen Anspielungen.

Hinter den spektakulären Looks steht eine ganz konkrete Geschichte. Die Kollektion ist den Menschen gewidmet, die während des Spanischen Bürgerkriegs (1936–1939) das nationale Kunsterbe retteten. Museumsmitarbeiter, Intellektuelle und Kunstliebhaber brachten Gemälde von Velázquez und Goya an sicherere Orte – und riskierten dabei ihr eigenes Leben.

Genau darin liegt die zentrale Idee von DESERTORES: Wertvolles zu schützen, ist nicht nur mit der Waffe in der Hand möglich. Manchmal bedeutet Mut, sich selbst für die Kunst, das Gedächtnis und die Schönheit in Gefahr zu bringen.
OUTSIDERS DIVISION
Das von Designer David Méndez Alonso gegründete Label OUTSIDERS DIVISION ist für sein Konzept «Kleidung für Erwachsene, die nie erwachsen geworden sind» bekannt. Seine eklektischen Kollektionen verbinden die verspielte Ästhetik der Kindheit mit Elementen aus Streetwear und Popkultur sowie unerwarteten stilistischen Lösungen. In seiner neuen Linie GROOMED AND HORNY verleiht der Designer diesem Universum eine zusätzliche provokante Note und setzt sich mit Körperlichkeit, Sexualität und Identität auseinander.

Auf dem Laufsteg erscheint ein Model in einem weißen Hemd, einer schwarzen Fliege und gestreiften Hosen. Auf seiner Wange ist ein roter Lippenstiftabdruck zu sehen. Insgesamt ein durchaus anständiger Look – solange man keine unangenehmen Fragen stellt. Doch sobald sich das Model umdreht, wird deutlich, dass sich hinter dem Outfit eine ganz andere Konstruktion verbirgt: Unterwäsche, ein Spitzen-Strumpfhalter und Strümpfe.

Dieser Überraschungseffekt ist Teil eines Spiels mit Vorstellungen von Anstand und traditionellen Männerbildern. Die Club- und Queerkultur nutzt Mode seit Langem als Mittel, um Geschlechterrollen, Körper und Sexualität zu erkunden. OUTSIDERS DIVISION fügt diesem Ansatz eine eigene ironische Perspektive hinzu.

Der Anstoß zur Kollektion kam von einem ungewöhnlichen Abend in Paris. Wie David Méndez Alonso gegenüber Vogue España erzählte, stießen er und sein Partner nach einer Chanel-Show auf einen Sexclub, in dem man sich für den Eintritt bis auf die Unterwäsche ausziehen musste. Genau dieses Erlebnis wurde zum Ausgangspunkt für eine Kollektion, in der das Spiel mit Nacktheit und verborgenen Details zum zentralen Element des Designkonzepts wird.
Interessant ist auch ein weiteres Detail: Nach Angaben von Nacho Lamar interpretierte David Méndez Alonso für diese Show drei Anzüge aus dem Atelier von L’AMAR neu. So fanden zwei stilistisch völlig unterschiedliche Kollektionen durch die Zusammenarbeit der Couturiers und das Können der Schneider zueinander.

Trotz unterschiedlicher Themen und ästhetischer Ansätze verbindet diese vier Kollektionen das Bestreben, über die gewohnten Vorstellungen von Herrenmode hinauszugehen. Einige Designer interpretieren Männlichkeit durch Korsetts, Spitze und High Heels neu, andere greifen militärische Stilmittel auf, wieder andere setzen sich mit Körperlichkeit, Sexualität und der Verbindung zwischen Kindheit und Erwachsensein auseinander.

Ein Mann im Korsett verliert dadurch nichts von seiner Identität, genauso wenig wie eine Rüstung ihn automatisch zum Krieger macht. In diesen Kollektionen wird Kleidung zu einem Mittel, um über sich selbst, die eigenen Überzeugungen und Gefühle zu sprechen, ohne sich den Erwartungen anderer anzupassen. Und vielleicht liegt genau darin der größte Wert solcher Experimente – in der Freiheit, selbst zu entscheiden, wer man sein möchte, und sich nicht von der äußeren Form den inneren Inhalt diktieren zu lassen.
Fotos: Presseabteilungen der Labels, Mykhailo Pylypchuk
