Spiel der Kontraste in der Herbst-Winter-Kollektion von Bottega Veneta

Im Rahmen der Mailänder Modewoche
Die Schau von Bottega Veneta zählt traditionell zu den meist erwarteten Ereignissen der Mailänder Modewoche. In der vergangenen Saison übernahm Louise Trotter die Position der Kreativdirektorin des Hauses. Nach einem Jahr in Mailand hat die Designerin dessen Rhythmus, Architektur und zurückhaltende Ästhetik sensibel verinnerlicht – sie bildeten den Ausgangspunkt der neuen Kollektion.

«Ich begann mit der Idee von Brutalismus und Sinnlichkeit, denn das entspricht genau meinen Empfindungen: Mailand ist in gewisser Weise eine brutalistische Stadt mit verborgener Sinnlichkeit», erklärte Trotter internationalen Journalist: innen hinter den Kulissen ihrer zweiten Show für das Haus.

Ihr persönlicher Stil tritt diesmal besonders deutlich hervor: Die Kollektion ist stärker von individuellem Ausdruck geprägt als von retrospektiven Anspielungen.

Die Verbindung von Brutalismus und Sinnlichkeit in der Saison Herbst/Winter 2026 zeigt sich nicht nur in einzelnen Looks, sondern in der gesamten Dramaturgie der Präsentation – von Silhouetten und Texturen bis hin zu stilistischen Entscheidungen.

Besonders ins Auge fällt die Vielfalt an pelzartigen Texturen innerhalb der 81 Looks umfassenden Linie. Pelz erscheint nicht nur in Mänteln, sondern auch in Röcken, Kleidern und sogar Pullovern. In den meisten Fällen handelt es sich jedoch um meisterhafte Imitationen: Die Stücke bestehen aus Seidengarnen, Glasfasern und Lammfell – anstelle von etwa Fuchspelz. Dieser Ansatz verleiht den Looks Volumen und eine ausgeprägte Haptik und zeugt zugleich von einer intellektuellen Auseinandersetzung mit Materialität.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem neu interpretierten Schnitt der Jacken. Die Schulterlinie wirkt weicher und gerundeter, die Taille klar definiert. Die Silhouette schafft eine selbstbewusste Vertikale, jedoch ohne übermäßige Strenge: Struktur wird durch die Geschmeidigkeit der Stoffe ausbalanciert. Fast jeder Look wurde durch gestrickte Mützen oder mit Fransen versehene Kappen ergänzt, die eng am Kopf anliegen – ein Detail, das der Kollektion Intimität und eine subtile Ironie verleiht.

Besondere Aufmerksamkeit gilt den Hemden und ihrer Inszenierung. Sie werden mit kalkulierter Lässigkeit getragen: aufgeknöpft, geschichtet, unter strengen Mänteln und Jacken hervorschauend. In diesen Nuancen offenbart sich jene «verborgene Sinnlichkeit», von der die Designerin spricht.

Zu den markanten Details zählen zudem dichte Strumpfhosen mit leicht lockerer Passform. Die gestrickten Modelle mit bewusst «unperfekter» Anmutung zeichnen bereits einen der zentralen Trends der Saison vor und dürften mindestens bis Ende 2026 aktuell bleiben.

Zum zweiten Mal in Folge beschließt Louise Trotter selbstbewusst den vorletzten Tag der Mailänder Modewoche. Ohne überflüssigen Pathos, jedoch mit präzisem Gespür für die DNA des Hauses, gestaltet sie die Kollektion als feinsinnigen Dialog der Gegensätze – zwischen maskulin und feminin, hart und weich, Minimalismus und bewusst dosiertem Overdressing. In genau diesem Gleichgewicht entsteht eine neue Etappe von Bottega Veneta – formal zurückhaltend, inhaltlich jedoch emotional aufgeladen.









Photo: Instagram @newbottega
